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Es ist schon seltsam, wie schwer es den Parteien in diesem Bundespräsidentschaftswahlkampf fällt, eine/n Kandidatin/Kandidaten zu finden. Es fehlt Ihnen offensichtlich nicht an Personal. Nun gut aus einer Wahl als Verlierer/in hervorzugehen ist für niemanden angenehm. Aber zehn Prozent bei einer Wahl zu gewinnen, kann gegen einen amtierenden Präsidenten wie Heinz Fischer durchaus ein Erfolg sein. Im OE1 Morgenjournal konnte ich heute aber hören, daß diese/r Kandidat/in als Personalreserve für die Parteien verloren wäre. Was für eine Einstellung zu Wahlen. Wahlen zu verlieren heißt stigmatisiert und verloren für eine spätere politische Weiterentwicklung zu sein.
Das ist doch mehr als bedenklich.
Was ich aber noch viel bedenklicher finde, ist die Ökonomisierung der Debatte. Erst da zeigt sich, wie sehr politische Parteien mittlerweile zu Großunternehmen mit ökonomischem Kalkül geworden sind. Eine BP-Wahl sagen Meinungsforscher/innen kostet zwischen zwei und vier Millionen Euro.
Da schließt sich für mich gleich eine Frage an.
Warum geben Parteien soviel Geld für Wahlwerbung aus?
Weil sie wie Unternehmen in ihre finanzielle Zukunft investieren müssen. Außerdem halten sie damit die Wirtschaft in Gang. Wahlen sind mittlerweile ein wesentlicher Wachstumsmotor unserer Demokratie geworden. Ganze Branchen leben zum Teil von Wahlwerbungen: Meinungsforschungsinstitute, Marketingfirmen, P.R. Agenturen, Grafikunternehmen.
Gleichzeitig werden diese Unternehmen dadurch natürlich indirekt aus öffentlichen Geldern subventioniert, also aus Steuermitteln.
Parteien kriegen einerseits aus Steuergeldern Parteienförderung, sofern sie im Nationalrat sitzen und Wahlkostenrückerstattungen, wenn sie z.B. 1% der Stimmen bei einer Nationalratswahl erreichen. Folge davon ist, wir als Bürgerinne/Bürger bezahlen nicht nur für Parteien, die wir wählen wollen, sondern letztlich mit unseren Steuergeldern auch für den jeweiligen politischen Gegner.
Ideologische Vielfalt wird also durch Steuergelder finanziert, nach rechts wie nach links. Wahlen und wahlwerbende Parteien sind also Teil der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes geworden.
Problematisch wird die Sache meines Erachtens dadurch, daß durch Einführung von marktwirtschaftlichen Kriterien in politisches Verhalten, Meinungen zur Ware werden. Durch die Ökonomisierung des Wahlprozesses (auch auf Gemeindeebene), werden politische Positionen zusehends opportunistisch eingesetzt.
Wahlergebnisse werden damit immer mehr mit Warencharakter angereichert.
Jene Meinung, die mehr Ökonomie verspricht, die mehr Stimmen bringt, die mehr Käufer/innen findet, wird propagiert, weil sie allen Beteiligten am Ende höhere Einnahmen garantiert: den einen mehr Geld am Konto, den anderen mehr Stimmen an der Urne.
So werden Meinungen von Mehrwertinteressen gesteuert.
Ideologie verkommt dabei zum Schmiermittel ökonomischer Wahlüberlegungen und der Finanzierung von Parteien.
Kein Wunder, daß Wähler/Wählerinnen ähnlich zu denken und zu handeln beginnen und nur mehr nach den unmittelbaren ökonomischen Eigeninteressen wählen: die Partei, die mir am meisten ökonomische Vorteile verspricht, wähle ich.
Wahlen werden zu Supermärkten der Ideologie.
Angeboten wird, was Marketingfirmen als opportun empfinden und bei Konsumentinnen/Konsumenten (also Wählerinnen/Wählern) auf Interesse stoßen könnte. Gekauft wird, was mir möglichst große Befriedigung der eigenen Interessen verspricht.
So fallen Wahlen jenem Individualisierungsprozeß zum Opfer, den wir als Gesellschaft so oft beklagen. Wir alle sind beteiligt daran.
Die politische Kultur wird zum ökonomischen Mehrwertinstrument von finanziellen Parteieninteressen. Das ist das eigentliche Problem unserer Demokratie.
Meine Kandidatur ist eine No-Budget-Kandidatur, weil ich der Meinung bin, daß Wahlen Positionen vermitteln sollen, die eben nicht beliebig sind und die sich nicht von Tag zu Tag verändern, sonder auf eine Vision einer Gesellschaft verweisen, die unter Umständen sogar meinen eigenen individuellen Interessen entgegenstehen können.
Liebe Eva, lieber Rudi!
Ich möchte Euch, als zuständige/n Spitzenfunktionär/in, über einen Sachverhalt informieren, der sich am 18. Jänner 2010 im Bezirk Gmunden zugetragen hat, der mich seither sehr beschäftigt und Euch um eine schriftliche Stellungnahme dazu ersuchen.
Sachverhalt
In der Bezirksversammlung Gmunden vom 18.1.2010 habe ich als Bezirkssprecher und in Folge als Schriftführer kandidiert. Die Unterlagen für meine Kandidatur ist den GRÜNEN OÖ bereits am 4.1.2010 zugegangen.
Noch vor Sitzungsbeginn hat Landtagsabgeordneter Markus Reitsamer von Irritationen des OÖ Landesvorstandes über meine Kandidatur als Bezirkssprecher und mich zu drei Sachverhalten befragt:
1) Warum ich als Bezirkssprecher kandidiere?
2) Warum ich mich zur Wahl für das Amt des Bundespräsidenten kandidiere.
3) Was ich als BürgerListen Mandatar mit meinen Aufsichtsbeschwerde gegen den Landtagsabgeordneten der ÖVP Johannes Peinsteiner bezwecke (die GRÜNEN OÖ befinden sich ja in einer Koalition mit der OVP.)
Zu Punkt 1) habe ich auf meine Kandidatenvorstellung verwiesen.
Zu Punkt 2) habe ich auf meine verfassungsmäßigen Rechte als Staatsbürger verwiesen.
Zu Punkt 3) habe ich festgehalten, daß ihn das zwar nichts angehe, aber ihm dennoch meine Motivation als gewähltes Gemeinderatsmitglied erklärt und darauf verwiesen, daß er den Vorgang auf der Homepage der BürgerListe St. Wolfgang (www.buergerliste.info) nachlesen könne.
Nach Sitzungseröffnung und vor Wahlbeginn hat Landesgeschäftsführerin Lätitia Gratzer den anwesenden BezirksGRÜNEN im Namen des Landesvorstandes empfohlen, mich nicht in eine Funktion im Bezirk Gmunden zu wählen (mit dem Hinweis: „Vorschreiben können wir es Euch ja nicht“).
Begründet wurde diese Empfehlung mit meiner Bundespräsidentenkandidatur, da ich diese nicht mit der Partei abgestimmt hätte.
Es erübrigt sich wohl, festzustellen, daß ich bei der Inanspruchnahme meiner legitimen verfassungsmäßigen Rechte als Bürger keine Partei zuerst befragen muss; selbst für den gewählten (Partei)Abgeordneten im Parlament ist im besten Fall die letzte Instanz das eigene Gewissen.
Zu den Vorwürfen des OÖ Landesvorstands halte ich fest:
1.
Ich habe meine Kandidatur allen Spitzenfunktionär/inn/en der Partei bereits am 1.1.2010 bekannt gegeben. Von den GRÜNEN hat es aber niemand für notwendig erachtet, mit mir per mail in Kontakt zu treten, geschweige denn mich anzurufen. Erst jetzt da meine Kandidatur in Schwung kommt und eine breitere Öffentlichkeit gewinnt, wird von Seiten des Landesvorstandes auf Bezirksebene interveniert. Wieder ohne mit mir darüber zu sprechen.
2.
Zum Zeitpunkt meines Entschlußes für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, war ich kein Funktionär der GRÜNEN – nur Mitglied.
3.
Ich habe zu keinem Zeitpunkt behauptet, ich sei ein „GRÜNER“ Kandidat – und das werde ich auch in Hinkunft so halten. Meine GRÜNE mailadresse habe ich nur für Aussendungen an GRÜNE verwendet. Aller Mailverkehr zur Kandidatur wurde über meine Mailadresse raimund.bahr@aon.at abgewickelt.
4.
Meine Kandidatur ist eine demokratiepolitische Notwendigkeit in einer Zeit, da Bürger/innenrechte zusehends von der Regierung unterwandert bzw. ausgehöhlt werden und unser Land immer mehr nach rechts abdriftet.
All das hätte der OÖ Landesvorstand wissen müssen, wenn er auch nur ein wenig auf dem Weblog (www.bahrforpresident.net) recherchiert und nicht refelexartig negativ reagiert hätte.
Meine persönliche Einschätzung
Bisher dachte ich, GRÜNE wären dazu aufgefordert, Widerstand zu leisten, wenn Unrecht zum Recht wird. Ich empfinde die derzeitige politische Situation mehr als beunruhigend und skandalös. Ich wollte mit Freunden und Freundinnen ein Zeichen des Widerstandes setzen gegen die Zerstörung der politisch-moralischen Kultur in diesem Land.
Der Vorgang rund um die Wahl des Bezirksvorstandes in Gmunden zeigt, daß Teile der GRÜNEN glauben, daß die Partei und ihr Machterhalt wichtiger sind als widerständiges, eigenverantwortliches und eigeninitiatives, politisches Handeln.
Was mir Hoffnung macht, ist, daß sich die GRÜNEN im Bezirk mehrheitlich nicht dieser Empfehlung angeschlossen haben und ich zum Schriftführer gewählt wurde.
Konsequenzen
Ich war mir nicht im Klaren darüber, daß ich als Bürger für meine Kandidatur zum Bundespräsidenten die Erlaubnis der Parteigremien einholen muss.
Nun, ich habe gelernt, dass es bei den GRÜNEN Regeln gibt, die nicht im Statut niedergeschrieben sind und eine Art mündlich überlieferten Codex darstellen.
Ich frage daher offiziell an, ob die Partei meine Kandidatur gestattet oder weiterhin - so wie in der Bezirksversammlung Gmunden vom 18.1.2010 - direkt oder indirekt Stellung dagegen beziehen wird?
Schlußbemerkung
Ich betrachte die Vorgangsweise des OÖ Landesvorstandes als Beleg dafür, wie notwendig ein widerständiges, eigeninitiatives und eigenverantwortliches Handeln für die derzeitige politische Kultur ist. Ich war ein Teil der Hainburg-Besetzung und bin einmal mehr erstaunt wie konservativ Teile der GRÜNEN heute auf Widerstandsaktionen (von Mitgliedern) gegen das politische Establishment reagieren.
Alles weitere rund um die Kandidatur könnt ihr auf meinem Weblog nachlesen.
Mit lieben Grüßen
Raimund (Schriftführer GRÜNE Bezirk Gmunden)
St. Wolfgang, am 21.1.2010
Dieser Brief wird am Freitag 22.1. publiziert als offenes Email in meinem GRÜNEN mailverteiler, im GRÜNEN Intranet und auf meinem Weblog.
Ich habe einiges gelesen in den letzten Jahren, über Ökonomie, Ökologie und Technologie, die drei großen Begriffe des 21. Jahrhunderts.
Dabei stieß ich auf ein Geldexperiment, das mir gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise als spannend und beachtenswert erscheint.
Das Freigeld von Wörgl.
Seither bin ich ein Anhänger der Freiwirtschaft im Gegensatz zur ökosozialen Marktwirtschaft der achtziger Jahre. Leider gibt es keine Partei in Österreich, die dieses Modell des Wirtschaftens verfolgt.
Marx hat auf die Probleme des Kapitalismus eine politische Antwort gefunden.
Es wird Zeit eine ökonomische Antwort auf die ökonomische und politische Krise zu finden.
Gerade Menschen und politische Gruppen, die sich nicht vom ökonomischen Mainstream und Losungen wie Geiz ist geil, mehr ist besser, big is beautiful leiten lassen, sollten sich mit Silvio Gesell beschäftigen, jenem deutsch-argentinischen Ökonomen, der sich mit neuen Formen des Wirtschaftens auseinandersetzte und auf den sich der Bürgermeister von Wörgl Michael Guggenberger bei seiner Einführung des Freigeldes berief.
Wir brauchen eine neue Ökonomie, denn eine neue Blase baut sich bereits auf, in den Rohstoffmärkten und in den Banken.
Der Dichter Ezra Pound hat dem sozialistischen Bürgermeister von Wörgl Michael Guggenberger ein Gedicht gewidmet. Ich will nur eine Zeile daraus zitieren, die sich darauf bezog, was geschah als die Bankchefs von dem Experiment erfuhren, da „bekam die Bankenmafia Europas das Fracksausen“.
Das wäre heute auch nicht anders.
Ein erfolgreiches Freigeldexperiment würde nicht nur die Banken, sondern auch die politischen Eliten, die eng mit diesen Banken, verbunden sind, auf den Plan rufen.
Was wir brauchen ist eine Partei, die sich bedingungslos einsetzt für neue Formen des Wirtschaftens, für Grundeinkommen und für eine gerechte Form der Umverteilung aller gesellschaftlicher Ressourcen (Rohstoffe), Möglichkeiten (Bildung) und Produkte (Handel).
Sehr geehrter Herr Dr. Bahr!
Ihr Schreiben wurde unter der Zahl S120100/4-SOZ/2010 erfasst. In der Beilage finden Sie das Antwortschreiben.
mit freundlichen Grüßen
Österreichische Präsidentschaftskanzlei
Sehr geehrter Herr Sperl!
Ich antworte Ihnen mit diesem Brief auf Ihren Kommentar vom 18.1.2010 in „Der Standard“.
Vorneweg: ich bin mit Ihrer Analyse der politischen Situation in Österreich mehr als einverstanden.
Trotzdem: Lassen Sie mich das das von Ihnen entworfene Bild ein wenig ergänzen, denn manchmal passiert es, daß all das, was in der Debatte der offiziellen und „großen“ Medien nicht vorkommt (und das ist oft gar viel!), allzu leicht übersehen wird.
Gerade der laufende Mediendiskurs und die veröffentlichte Meinung über die Wahl des Bundespräsidenten zeigen, wie sich Medienkultur und politische Gleichgültigkeit in Österreich in die Hände spielen. Die einen sehen und/oder schreiben über die Opposition nicht und die anderen können, wollen oder müssen diese auf Grund medialer Ignoranz/Arroganz nicht wahrnehmen - oftmals paßt diese einfach nicht ins selbstgemachte Bild.
So bleibt das politische und das journalistische Österreich meist unter sich.
Wie soll denn eine intellektuell anspruchsvolle Opposition wachsen und gedeihen können, die Sie sich so sehr wünschen, wenn nicht die Medien unentwegt bemüht wären, Bewegungen und Kräfte außerhalb der parteipolitischen Institutionen zu ignorieren.
Ich zitiere: „Eine intellektuell anspruchsvolle Opposition würde das Land aber nicht nur publizistisch oder kabarettistisch brauchen. Die politische und geistige Lage ist ernst genug."
Ja, die Lage ist ernst, wenn nicht tragisch.
Mit meiner Kandidatur zur Präsidentschaft 2010 setze ich einen ersten politischen Akzent; mein Beitrag und Versuch, die von Ihnen geforderte intellektuell anspruchsvolle Oppositionsarbeit in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen sowie eine breitere öffentliche und ernstzunehmende Diskussion darüber zu ermöglichen, wohin unser Land steuert.
Mehr Informationen zu meiner Kandidatur finde Sie unter
www.bahrforpresident.net
Mit freundlichen Grüßen
der Gegenkandidat zu Dr. Heinz Fischer
Dr. Raimund Bahr
St. Wolfgang 18.1.2010
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